Axel Köhler-Schnura

Der Konzernkritiker

Er hat einen ungebrochenen politischen Willen. Wie kaum ein Anderer kämpft er für eine gerechtere Welt und steuert seine Projekte ambitioniert und effizient.

So hat Axel Köhler-Schnura die „Coordination gegen BAYER“ aufgebaut und einen Spar- und Anlagefonds gegründet, der diese Initiative finanziert. Zudem ist er Vorstandsmitglied der ethecon-Stiftung. Seine Brötchen verdient er mit der eigenen Beratungsfirma „Ökonzept“, die für NGO’s Fundraising und Marketingdienste anbietet. Axel Köhler-Schnura ist ein langjähriger Kunde der EthikBank.

Frühe Selbstbestimmung

Da ist zunächst der Heranwachsende, im Alter von elf oder zwölf Jahren nicht mehr Kind und noch nicht Teenager, der in Oberfranken aufgewachsen ist. Sein Vater war bekennender Nazi. Was beide vereint, ist die politische Unbestechlichkeit. Was beide trennt, sind die gegensätzlichen Pole. Bis zu seinem Tode hat der Vater seine rechtsextreme Gesinnung nicht revidiert. Darunter litt der Junge ebenso wie unter dem Geiz des Vaters. Das Betteln um jedes Schulheft führte mit 14 Jahren zum endgültigen Bruch mit dem Vater. Von da an verdiente er sein Geld selbst – nachts in einer Bleistiftfabrik.

Axel Köhler-Schnura in Familie

Studentenbewegung

Schon nach dem Abitur schien für den sprachlich wie musikalisch bewanderten Revoluzzer klar zu sein, dass er sich mit dem herrschenden Gesellschafts- und Wirtschaftssystem nicht versöhnen kann: „Aber ich wollte es studieren und die Profitmechanismen kennenlernen“, erläutert Axel Köhler-Schnura. So suchte er nach der betriebswirtschaftlichen Fakultät mit dem besten Ruf und schrieb sich schließlich in Regensburg ein.

Nach dem BWL-Abschluss blieb Axel Köhler als Angestellter der Deutschen Forschungsgemeinschaft an der Universität. Dort suchte er eine Antwort auf die Frage, wie sich unterschiedliche Mitbestimmungsmodelle auf das Bewusstsein der Arbeiter auswirken. Nebenher studierte er Soziologie bis zum Vordiplom. Die wissenschaftliche Arbeit war seine Erfüllung jedoch nicht. Er kündigte, wechselte zu einem linken Verlag nach Düsseldorf und wählte als Wohnort Wuppertal: „Weil die Umgebung dort ein bisschen wie in Bayern aussah".

Beginn einer Bewegung

Ein Chemieunfall im Wuppertaler Bayer-Werk markierte den dritten Einschnitt in Axel Köhlers Leben. Das war 1978. Kurz darauf passierte im Bayer-Werk ein zweiter Unfall. Axel Köhler-Schnura berichtet, dass im Umkreis von zwei Kilometern Salzsäure in Wohngebäude vorgedrungen sei, Bäume ihre Blätter verloren hätten und Vögel tot von den Bäumen fielen. Im Radio sei die Bevölkerung permanent aufgerufen worden, Fenster geschlossen zu halten. Jetzt galt es zu handeln: „Zu dritt haben wir Flugblätter gedruckt und eine Bürgerversammlung einberufen“, erzählt Köhler-Schnura. Es kamen Hunderte. Kaum hatte die Initiative angefangen zu arbeiten, drängte sich eine große Frage auf: Warum ist die Wupper tot? Schon 1863, kurz nach der Gründung des Bayer-Werkes, demonstrierten Einwohner, weil so viel Chemie in die Wupper geleitet wurde, dass der Fluss in allen Farben des Regenbogens schillerte. „Es kam immer mehr ans Tageslicht und irgendwann stellt man sich die Frage, ob man weitermachen oder alles hinschmeißen soll“, blickt Axel-Köhler-Schnura heute zurück. Er machte weiter, denn die politischen Bewegungen seiner Jugend hatten ihn geprägt - die Schülerbewegung, die Studentenbewegung und nun die Umweltbewegung. 1986 hängte Axel Köhler-Schnura seinen Job in einer Druckerei an den Nagel, weil sich die Geschäftsleitung weigerte, den Betrieb ökologisch weiterzuentwickeln.

Als Anfang der 1980-er Jahre erstmals Konzernkritiker bei den Hauptversammlungen von Bayer, Dresdner Bank und Veba auftauchten, war die Verwunderung groß. Vorstände und Aktionäre verstanden damals nicht, was der Protest gegen Atomkraft, Chemieunfälle und Rüstungsexport in einer Aktionärsversammlung, in der es doch um Rendite und Dividende ging, zu suchen hatte. Damals gründeten vier Frauen und elf Männer aus verschiedenen konzernkritischen Gruppen den Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre. Axel Köhler-Schnura war einer von ihnen.

Bayer

Von nun an widmete sich Axel Köhler-Schnura der Chemiebranche, der er sich noch heute eng verbunden fühlt. Nicht als Arbeitnehmer, nicht als Geschäftspartner, auch nicht als wohlwollend begleitender Journalist. Er spezialisierte sich auf Konzernkritik mit dem Schwerpunkt Bayer. Damit hebt er sich ab von den „Kritischen Aktionären“, die er ebenfalls ins Leben gerufen hat. Diese Vereinigung kauft Aktien quer durch alle  Branchen, um damit Stimmrechte im Sinne des Gemeinwohls auszuüben. Aber Axel Köhler-Schnura hatte sich - als Einwohner Wuppertals - auf Bayer eingeschossen.

Lebhaft berichtet er von der Dünnsäure-Blockade im Jahr 1980, als Greenpeace in Rotterdam Bayer-Schiffe blockierte und mit der Wuppertaler Initiative zusammenarbeitete. Nach Presseberichten entsorgte Bayer damals Produktionsabfälle aus Dünnsäuren in der Nordsee – mit gravierenden Auswirkungen speziell auf Plattfische und Robben: „Wir waren uns mit Greenpeace einig, dass wir die Produktion stören und das Zuleitungsrohr für die Schiffe blockieren mussten, so dass diese nicht mehr ran konnten“, erklärt Axel Köhler-Schnura. Er ist davon überzeugt, dass die Aktion gescheitert wäre, wenn sich die Einwohner nicht mit den Aktivisten solidarisiert und sie mit Lebensmitteln versorgt hätten. Die Kölner Philharmonie spielte auf der Wiese. Die Tagesschau berichtete jeden Abend über die Blockade. In der Folge musste Bayer die Dünnsäureverklappung in der Nordsee beenden.

Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG)

Es war eine Erfahrung, die das politische Engagement von Axel Köhler-Schnura professioneller werden ließ. Er hatte am eigenen Leib erfahren, wie wichtig ein Netzwerk ist, und gründete ein Jahr später den Selbsthilfe-Verein „Coordination gegen BAYER-Gefahren“, der heute mehr als 1.000 Mitglieder hat und rund 70.000 Personen und Organisationen auf der ganzen Welt verbindet. Es erscheint folgerichtig, dass sich Axel Köhler-Schnura damit bei Bayer keine Freunde machte. Er bemängelt, dass der Konzern schon während der Chemieunfälle in Wuppertal aggressiv reagiert habe, als der WDR Bürger und Konzernvertreter zu einer öffentlichen Veranstaltung nach Dormagen einlud. „Seitdem hat sich Bayer nie wieder öffentlich mit uns an einen Tisch gesetzt“, berichtet Köhler-Schnura.

Ziel

Durchsetzung weltweit sicherer Arbeitsplätze und des Umweltschutzes im Bayer-Konzert

Rechtsform

Eingetragener Verein

Gründungsjahr

1983

Netzwerk

Bestehend aus ca. 80.000 Menschen und Organisationen

Arbeitsbereich

Mehr als 70 Länder

Stand 11.2012

Die Coordination reagierte, indem sie Aktien kaufte, seitdem regelmäßig die Hauptversammlungen besucht und ihr Rederecht in Anspruch nimmt. Axel Köhler-Schnura erklärt, dass Bayer auch ansonsten ein gespaltenes Verhältnis zur Öffentlichkeit habe. Demnach sei der Pressebereich vom großen Geschehen im Versammlungssaal nahezu hermetisch abgeriegelt. Die Versammlung werde per Video ins Pressezentrum übertragen. Dort sei bestens für das leibliche Wohl der Journalisten gesorgt. Wie Axel Köhler-Schnura beobachtet hat, legt es kaum ein Redakteur darauf an, sich in den Versammlungsraum zu begeben: „Wer es tut, wird von Bayer-Leuten begleitet“, weiß er zu berichten. Auch erzählt er gern, was einst dem „Spiegel“ und dem „Stern“ blühte, die wegen missliebiger Berichterstattung keine Anzeigenaufträge mehr von Bayer bekommen haben sollen – eine Erziehungsmaßnahme, die der Konzern laut Köhler-Schnura öffentlich damit begründet hat, dass die Redaktionen lernen sollen, wer im Land das Sagen hat.

Bräuchte jeder Konzern eine solche Coordination wie Bayer?

Ja. Aber man bräuchte dafür einen langen Atem, denn die Gemeinnützigkeit wurde der Initiative bis heute verwehrt. Damit ist es schwer, das nötige Geld einzutreiben.

Wie finanziert sich die "Coordination gegen BAYER-Gefahren"?

Finanziert wird das Projekt durch Beiträge und Spenden der Fördermitglieder und mit dem Spar- und Anlegerfonds Pro Solidar. Dieser verwaltet mehr als eine Million Euro – ohne Renditeansprüche der Anleger.

Woher nehmen Sie die Kraft für Ihre anstrengenden Projekte?

Von meinen drei Töchtern. Leonie (die älteste) rettete mich nach einer der größten Niederlagen meines Lebens. Es war der Tag, an dem das Urteil in dem Verfahren gesprochen wurde, welches wir in dritter Instanz verloren hatten. 1989 hatte Bayer die Coordination wegen Verleumdung verklagt. Die Bilder dieses schwarzen Tages reihen sich in schneller Abfolge aneinander: die Niederlage im Gerichtssaal, die Presseleute, das Statement: Und plötzlich kam meine kleine Leonie freudestrahlend um die Ecke gerannt. Das hat mir neue Kraft gegeben.

Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG)

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Mehr Informationen

Zum Nachlesen

Das Porträt von Axel Köhler-Schnura haben wir hier für Sie zusammengefasst.

Porträt Axel Köhler-Schnura (PDF)

Auszeichnungen

1998
Business Crime Control
Preis

2000
Preis für Zivilcourage der Solbach-Freise-Stiftung für seinen Einsatz als weltweiter Leiter der "Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG)"

2008
Nominierung für den Alternativen Nobelpreis

2011
Henry Mathews Preis